Sonntag, 24. April 2016

Fashion Revolution Day


Heute ist nicht nur eine ganz wesentliche Wahl in Österreich, sondern auch der Fashion Revolution Day 2016. Wir gedenken des furchtbaren Ereignisses vom 24.4.2013, als das Rana Plaza Building in Bangladesh einstürzte. 1127 Menschen starben, 2438 wurden verletzt. Ich schreibe hier bewusst nicht das Wort "Unglück", weil ich erst vergangenen Montag bei einer Demo gegen Rechts und für Flüchtlinge in einer Rede darauf aufmerksam wurde, was "Unglück" ist.
Sowas hier nämlich nicht.
Dass das Rana Plaza eingestürzt ist, war kein "Unglück". Das Gebäude ist aufgrund grober Fahrlässigkeit eingestürzt und die meisten von uns tragen ein klein wenig Mitschuld daran.
Die meisten von uns (und damit meine ich nicht uns, die wir nähen) tragen nicht nur selbst genähte oder fair produzierte Kleidung, sondern auch oder vor allem oder sogar ausschließlich Kleidung, die in Nähfabriken wie jener, die sich im Rana Plaza Building befand, unter unmenschlichen Bedingungen zu Löhnen, die diesen Namen nicht verdienen, produziert wird.


Im Unterschied zu vielen anderen Nähbloggerinnen sehe ich das Nähen nicht nur von der Hobby-Seite aus.

Ich habe 2008 mit dem Nähen als Hobby begonnen und einige Jahre mit Begeisterung meine Kinder mit bunter Kleidung benäht. Der Spaß stand dabei im Vordergrund und die Freude, einzigartige Dinge schaffen zu können, mit denen ich genau den Wünschen und Vorstellungen meiner Kinder entsprechen konnte. Ich habe dabei ziemlich viel Geld in mein neues Hobby investiert und mir anfangs naiv gedacht, der unverhältnismäßig niedrige Preis der Kaufkleidung lasse sich wohl durch die hohe Stückzahl irgendwie rechtfertigen.

Nach einigen Mühen habe ich es im Frühjahr 2012 geschafft, die Gewerbeberechtigung zum Nähen von Kinderkleidung zu erlangen, und habe fortan nicht nur für die eigenen Kinder genäht, sondern auch für "fremde". ;-) Ich dachte, auch manche andere, die nicht selbst nähen, würden gerne individuell gestaltete Kleidungsstücke ganz nach Wunsch für ihre Kinder haben. 

Und tatsächlich wollen auch viele andere Leute individuell gestaltete Kleidungsstücke, aber nur wenige sind bereit, dafür auch dem Aufwand entsprechend zu bezahlen.
Schuld daran sind wohl die großen Bekleidungskonzerne, die den Menschen das Gefühl geben, Kleidung sei einfach nicht mehr wert. Ich bekomme oft schriftliche Anfragen für Aufträge - ein Shirt mit diesem und jenem darauf, eine Mutter-Kind-Pass-Hülle, einen neuen Bezug für den Kinderwagen, was auch immer - und sobald wir zum Preis kommen, ist das Ende des Schriftwechsels erreicht. :-)
Nicht, dass ich Preise verlangen würde, von denen ich leben kann. Ich verrechne die Materialkosten plus einen Stundensatz von maximal 10 Euro für meine Arbeitszeit (das entspricht dem österreichischen Kollektivvertrag für unsere Branche), ich verrechne keine Umsatzsteuer, obwohl ich sie hinterher ans Finanzamt abführen muss, ich verrechne keine zusätzlichen Kosten.
Ich habe auch keinen Mangel an Aufträgen, im Gegenteil - wer bei mir etwas bestellt, muss mit längeren Wartezeiten rechnen.
Trotzdem ist es nichts, wovon man leben könnte.
Bisher hatte ich ein anderes solides Grundeinkommen und habe das hier zusätzlich gemacht, eher aus Spaß. Ab 2017 wird sich das ändern, deshalb werde ich - voraussichtlich ab Juni - Teilzeit und ein paar Monate später Vollzeit zu arbeiten beginnen.


Nähen ist eine wunderbare Tätigkeit. In deinem Kopf entsteht ein Bild von einem neuen Kleidungsstück und mit deinen Händen kannst du es umsetzen.
Aber es ist nichts wert in unserer Gesellschaft, oder jedenfalls zu wenig.
Vielleicht können wir das ja gemeinsam ein wenig ändern.

Bis 25.4.2016 könnt auch ihr euren Fashion-Revolution-Day-Beitrag noch bei Susanne verlinken.
Fashion Revolution Day Aktion

Kommentare:

  1. Revolution wäre auf diesem Sektor dringend nötig. Aber noch geht es uns zu gut.

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  2. Gut, dass du einmal beschrieben hast, wie es dir als Näherin individueller Kleidung geht! Da kann man leicht zu der Einsicht kommen, dass das Kleidung schaffen nicht als wertvoll angesehen wird... ( Zum anderen Thema schreib ich dir ein andermal...im Augenblick ist mein Kopf dauernd mit anderem gefüllt. )
    Eine gute Woche!
    Astrid

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  3. DU änderst es ja bereits... und nicht nur ein wenig... allein schon, das Bewusstsein dafür zu haben und es anderen bewusst zu machen, was da alles schief läuft in unserer "Bekleidungs- und Nähwelt"... Hut ab, liebe Frau Kitzkatz, Sensibilisierung ist der erste Schritt und du schaffst es mit deiner Einstellung bestimmt, die ein oder andere zum Nachdenken oder sogar zum Umdenken zu bewegen!!!
    Ich als klitzeklitzeklitzekleiner Teil dieser Welt möchte dir dafür einmal danke sagen! Wir brauchen Menschen wie dich!!
    Ganz, ganz liebe Grüße,
    Sabine

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  4. Hej, das was du schreibst ist vollkommen richtig. ich merke das ja auch, das alle selbstgenähte sachen, wie z.b. ganz individuelle quietbooks supertoll finden. aber wenn sie die preise sehen, will es keiner bezahlen. dabei steckt wirklich viel arbeit in den sachen. sie wedern meist aus naturmaterialien produziert, u.a. ökozertifizierte Stoffe ohne Schadstoffe. aber wenn ich sehe, das die Discounter(namen nenne ich jetzt nicht) Werbung machen mit 2.99€ für Kinderkleidung, dann krieg ich zu viel. lieber ein bisschen mehr ausgeben, denke ich. bei mir wächst das geld ja ganz bestimmt auch nicht auf dem baum, aber lieber wenige gute sachen als ein haufen müll....Ganz LG aus Dänemark Ulrike :0)

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  5. Hallo,

    ich kann dir nur beipflichten! Weniger ist mehr. Warum müssen Kinder den Kleiderschrank vollgestopft haben, meist aber eben mit Kleidung die beim Discounter gekauft wurde!

    Aber ich habe da noch eine andere Frage: Auf welchen Maschinen nähst du da? Ich möchte mir nämlich auch gerne eine Industrieoverlock anschaffen. Meine über 20 Jahre alte Bernina ist jetzt wirklich im Rentenalter.
    Einen Juki Schnellnäher (Industrie) habe ich schon und möchte nicht mehr drauf verzichten.
    Dazu bräuchte ich noch eine gute neue Haushaltsmaschine, die wirklich gute Knopflöcher näht. Kannst du da was empfehlen? Wenn auch meine gute alte Pfaff noch sehr willig ist, muss ich an Ersatz denken.......
    Und jetzt hoffen wir mal, das immer mehr Menschen aufwachen!

    lg

    Karin

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  6. Zum Spass am Boden naehen? Du bist ja wirklich lustig ... Und wohin geht die neue Reise? Weiterhin mit Stoffen zu tun oder ist das wirklich utopisch?
    Glg A.

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